Was bewegt ... Dieter Rickert?
DIE ZEIT
Dieser Mann ist diskret und extrem einflussreich. Er besetzt viele Topjobs im Land und gilt als der erfolgreichste Personalberater der deutschen Wirtschaft
von Katrin Wilkens

Der Kopfjäger

Ermutigend ist es nicht, wenn man Dieter Rickert in seinem Büro in München-Grünwald besucht. Da führt einen eine Dame ins Besucherzimmer, und dann sitzt man da. Schaut auf zwei riesige Proträts alter Menschen, die einem gegenüberhängen, Mann und Frau. Die Frau trägt ein Blümchenkleid und hat die Hände im Schoß, ihre Augen werden durch grüne Schatten beschwert. Der Mann hat eine Halbglatze und eine veritable Gesichtsdepression. Seine Augen sind nikotingelb. Apokalyptischer kann es im Wartezimmer eines Personalberaters kaum aussehen.

Dieter Rickert ist ein Kunstfreund und Deutschlands berühmtester Headhunter. Er vermittelt Topmanager an Topunternehmen. Mehr als 60 der größten deutschen Firmen gehören zu seinen Kunden. Rund 10 000 Hoch- und Höchstqualifizierte hat er in den vergangenen 30 Jahren interviewt, 600 davon platziert. Hartmut Mehdorn und Gerhard Cromme sind seine Klienten gewesen.

Ob diese Herren auch einmal auf die Bilder gestarrt haben? Es ist ein umgekehrtes "Ecce-Homo", das einem diese Viel-Arbeit-wenig-Brot-Gesichter zuflüstern. Sieh, wie wir leben, wie wir altern, wir, die wir nur unser tägliches Brot verdienen! Bedenke, es gibt nichts Wichtigeres als Karriere, Macht, Geld. Mach dich nicht klein, sondern wachse - wachse, damit es dir eines Tages besser geht als uns.

Dafür gibt es bei Rickert den servierten Kaffee mit aufgeschäumter Milch und einem Schokoladenpraliné. Durch den gläsernen Konferenztisch kann man genau sehen, wer ungeputzte oder abgetragene Schuhe trägt. Dieter Rickert muss dazu gar nicht unauffällig spicken. Ein Blick genügt.

Es ist nicht leicht, ein Ranking für erfolgreiches Headhunting aufzustellen. Die Branche lebt von der Diskretion. Das Manager Magazin zählte Rickert zu einem der "50 erfolgreichsten Manager Deutschlands" und nannte ihn "Jäger 90". Er selbst hat auf seiner Internetseite das Motto "Es sind die Köpfe, welche die Welt bewegen" ausgegeben. Aber es ist wohl auch das Selbstvertrauen, das die Welt bewegt.

"Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit", klebt an seinem Spiegel

Geboren in Bad Oldesloe, als Knabe nach Bad Ems gezogen, wuchs Rickert in eher rigiden Verhältnissen auf. Der Vater hatte eine kleine Chemiefabrik. Was dort produziert wurde, fuhr er am gleichen Tag mit dem Lieferwagen aus. "Komisskopp" nennt ihn Rickert rückblickend heute. "Es herrschte bei uns zu Hause der Solange-du-deine-Füße-unter-unseren-Tisch-stellst-Ton", erzählt er.

Manche werden nach so einer Erziehung angepasste Duckmäuser. Andere erkennen: Ich muss hier raus, wenn ich es zu etwas bringen will. "Am Tag meines Abiturs habe ich zu meinem Vater gesagt: Tschüss. Ich komme wieder, wenn ich mehr verdiene, als du Umsatz machst." Das Motiv für seine Karriere lag weniger in einem angestrebten Wohlstand als in der Freiheit, auch in der, sich irgendwann einmal alles leisten zu können. Noch heute klebt an Rickerts Badezimmerspiegel die Mahnung: "Es ist niemals zu spät für eine glückliche Kindheit."

Rickert studierte Wirtschaftswissenschaften in Köln und wollte Journalist werden. "Ich wollte die Wirtschaftsseiten der FAZ vollschreiben." Aber er ging zu Thyssen und wurde mit 25 Jahren der Assistent von Hans-Günther Sohl, dem damaligen Vorstandschef. Sein "geistiges Holzbein" nannte der ihn.

Als der ehrgeizige Rickert mit 29 Prokura wollte und ihm ein sturer Personalchef empfahl, noch einmal "fünf Jahresringe" anzusetzen, verließ er das Unternehmen und leitete für sehr kurze Zeit eine mittelständische Möbelfabrik. Mit 30 wechselte er erst zur Ruhrkohle AG, dann zog er in die Geschäftsführung des Bundesverbandes der Deutschen Industrie ein, wo er wieder mit Sohl, dem damaligen Präsidenten, für vier Jahre eng zusammenarbeitete. In dieser Zeit machte Rickert die entscheidenden Kontakte und Erfahrungen. Er lernte die Chefs der wichtigsten deutschen Unternehmen kennen, erfuhr, dass auch die Mächtigen nur mit Wasser kochen und zuweilen ganz froh sind, wenn man mit ihnen entspannt und unaufgeregt spricht. Vor allem lernte er zu beobachten: Wer braucht was? Wer reagiert wie? Wahrscheinlich wäre aus ihm auch ein guter Journalist geworden. 1977 warb ihn dann das Brüsseler Headhunting-Unternehmen von "Jim" Fulghum ab. Bei Fulghum lernte Rickert das Personalgeschäft. Heute lernt Fulghums Sohn Partrick bei ihm. Seit 1999 ist er Rickerts Partner im Executive-Research.

Was unterscheidet einen guten von einem sehr guten Personalberater? Er darf weder respektlos sein noch zu viel Respekt haben. Rickert muss mit denen, die einen CEO suchen oder die er vermittelt, auf Augenhöhe kommunizieren. Er darf nicht aufgeblasen wirken oder, noch schlimmer, servil. Rickert spricht in seinen Telefonaten konzentriert, strukturiert und mit tiefer Stimme. Als Aufmunterungsgags erlaubt er sich höchstens kurze Einschübe wie "unter uns Pastorentöchtern", ansonsten wahrt er Distanz und biedert sich nicht an.

Ein Personalberater muss eine feine Balance finden zwischen Transparenz und Verschwiegenheit. Früher, als sein Rücken noch mitspielte, ging Rickert oft mit seinen Klienten auf den Golfplatz. "Da können Sie in den Bewerbern lesen wie in einem offenen Buch", sagt er. "Wer versucht, auch noch die unrettbarsten Bälle zu treffen? Wer schummelt, und wenn es nur um zwei Zentimeter beim Putten geht? Wer hat gar ein Loch in der Hosentasche, um bei Bedarf einen neuen Golfball durchfallen zu lassen? Golf war für mich eine wunderbare Gelegenheit, die Menschen besser kennenzulernen."

Und schließlich muss ein erfolgreicher Personalberater die Einschätzungsgabe einer langjährigen Ehe-Vermittlerin haben: Wer passt zu wem? Wie entwickelt sich derjenige in fünf, zehn Jahren? Mit welchen Marotten ist zu rechnen? "Ich kann Leute einschätzen, wie sie reagieren werden", sagt Rickert.

Wenn dies hier ein Headhunting-Gespräch wäre, dann täte jetzt ein wenig Abwechslung gut. Mein Gott, denkt man, ist dieser Mann erfolgreich, tüchtig und toll. Herr Rickert, gibt es auch Niederlagen in Ihrem Leben? Unter uns Pastorentöchtern?

Gäbe es die nicht, Rickert würde sich selbst nie vermitteln. Sagt er. Da ist zum Beispiel der Klient, der ihn nur drei Wochen nach Amtsantritt anrief und sagte: "Herr Rickert, tun Sie mir einen Gefallen?" - "Ja, gern. Welchen?" - "Erschießen Sie sich." Rickert bekennt: "Der Laden war marode, und ich hatte es nicht bemerkt. Immerhin: Auch mein Kunde brauchte dazu drei Wochen."

Oder die Initiative "Klarheit in die Politik", die mit einer jährlich 100 Millionen Euro teuren Öffentlichkeitskampagne das "Land wachrütteln" sollte. Die Idee wirde nach einem Jahr wegen zu hohen Aufwands aufgegeben.

Auch eine Idee fürs Fernsehen liegt noch unausgegoren bei Rickert herum. Prominente, Normale und Experten sollten in einer launigen Show Begriffe wie "Neoliberalismus" oder "soziale Marktwirtschaft" erklären. Das Publikum, nach Rickerts Vorstellung eine Schulklasse mit 15-jährigen Mädchen und Jungen, fungiert als Jury, die beurteilt, wer die beste Begriffsdefinition gefunden hat: die Rentnerin aus Pinneberg, Dieter Bohlen oder Wirtschaftsminister Michael Glos. Vielleicht sitzen bald zwei junge Redakteurinnen bei ihm im Arbeitszimmer und fragen: Wie genau stellen Sie sich das vor, Herr Rickert? Vielleicht ist es doch ganz gut, dass RTL von dieser Idee noch nichts mitbekommen hat.

In Rickerts Arbeitszimmer findet sich viel Kunst. Neben drei (bekleideten) und zwei (nackten) Frauenporträts und einer Cello-Skulptur steht dort ein hölzener Kopf, beschriftet mit Charaktereigenschaften. Der Idealismus sitzt demnach an der hohen Stirn, die Nase ist der Platz für Handlungsaktivität. Gleicht man den Holzkopf mit Rickerts Schädel ab, so ist der ein Mann der Handlungsaktivität, der Konzentration und des Eigensinns. "Daran ist mehr, als man auf dem ersten Blick glauben mag", sagt er, "die Chinesen benutzen seit Jahrtausenden dieses Modell als Abgleich, und wer einen Menschen nach diesem Muster lesen kann, weiß eine Menge über seinen Charakter. Meine Frau kann es erstaunlich gut, ich verlasse mich eher auf meinen Bauch."

"Heute kann jeder Englisch. Aber sonst hat sich nichts geändert"

Seit nunmehr dreißig Jahren befragt Dieter Rickert Führungskräfte. Hat sich durch die Verbreitung von Assessment-Centern und das Wissen um erfolgreiche Bewerbungsstrategien diese Arbeit verändert? Immerhin weiß doch jeder Hochschulabsolvent heutzutage, dass er auf die Frage nach der größten Schwäche "Ungeduld" sagen darf, "Arroganz" aber nicht.

"Für mich sind die ärmsten der Armen jene Journalisten, die stets einen neuen Trend ergründen müssen", grinst Rickert. Dann antwortet er: "Sicher, heute kann jeder fließend Englisch, früher habe ich die Bewerber noch gefragt: Can we continue in English? Aber sonst hat sich nichts Wesentliches geändert."

Immer noch verdient Rickert die Hälfte seines Geldes mit Aufträgen und die andere mit Bewerbungen. Immer noch schaut er sich eine Vita genauer an, wenn sie ihm interessant erscheint, auch dann, wenn er für den Kandidaten derzeit nichts im Angebot hat.

Das ist eine Praxis, die den Vorgaben des Bundesverbandes Deutscher Unternehmensberater (BDU) zuwiderläuft. Nach dessen Grundsätzen werden

Beziehungskünstler

Dieter Rickert wurde 1940 >in Bad Oldesloe geboren und macht 1960 sein Abitur in Bad Ems, wo sein Vater eine kleine Chemiefabrik betreibt. Bis 1964 studiert er Volks- und Betriebswirtschaft. Bei der August-Thyssen Hütte in Duisburg und Düsseldorf macht er erste berufliche Erfahrungen, wechselt dann zu Ruhrkohle AG und landet schließlich 1972 in der Geschäftsführung des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). 1977 beginnt er bei der Headhunter-Firma TASA International, später macht Rickert sich mit deren Gründer Jim Fulghum selbstständig. Seit 1989 führt er in München die Rickert & Co Personalberatungsgesellschaft. Zu den von ihm vermittelten Topmanagern zählen der heutige Bahnchef Hartmut Mehdorn und der frühere Chef der Deutschen Börse, Werner Seifert.

Personalberater nur dann tätig, wenn sie einen "nachweisbar erteilten Beratungsauftrag haben", sagt Geschäftsführer Christoph Weyrather. "Dieser muss von einem Personal suchenden Unternehmen erteilt worden sein, denn von Kandidaten nehmen BDU-Personalberater weder Honorar noch sonstige Entgelte entgegen. Die Personalberatung in unserem Sinne ist keine makelnde, vermittelnde Tätigkeit, sondern eine beratungsintensive Dienstleistung für Unternehmen."

Aber Rickert spielt in einer Liga für sich. Immer noch lehnt er Vermittlungen ab, die mit geografischen Sonderwünschen ("Ich möchte im Raum München bleiben") verbunden sind. "Ja, da suchen Sie mal", sagt er diesen Leuten.