"Die UBS wäre was für Steinbrück"
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Dieter Rickert

ist einer der einflussreichsten Personalberater. Er vermittelt Jobs ab einer halben Million Jahressalär.

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Top-Headhunter Dieter Rickert über die Jobperspektiven des Finanzministers
Herr Rickert, Sie sind einer der führenden Headhunter im Land. Hat sich Peer Steinbrück schon gemeldet wegen eines neuen Jobs?

Nein. Aber es wäre mir eine Ehre, über ihn nachzudenken - im Gegensatz zu vielen anderen Politikern, all den mut- und phantasielosen Nachplapperern, die absolut nicht vermittelbar sind für Topjobs in Unternehmen.

Auch Steinbrück hat Jahrzehnte in der Politik verbracht. Das Geschäft hat ihn nicht versaut, wollen sie damit sagen?

Ja. Steinbrück ist Ökonom. Und er denkt wie ein Ökonom: Für den ist zwei mal zwei vier. Für die Mehrzahl der Politiker geht es nur darum, sich durchzusetzen - auch wenn dafür zwei mal zwei oft fünf ist.

Wenn Sie Steinbrücks Qualitäten so schätzen, wo sähen Sie ihn dann am liebsten?

Dort, wo er bisher ist. Für das Land fände ich es am besten, Steinbrück bliebe Finanzminister. Warum macht es Frau Merkel nicht wie Präsident Obama in Amerika und sagt: "Ich hole die Besten, egal aus welcher Partei"?

So wird es nicht kommen, Politik funktioniert anders in Berlin. Hätten Sie keinen Platz in irgendeinem Vorstand für ihn?

Theoretisch schon, als Finanzvorstand ist er natürlich denkbar, wenn auch nicht gerade bei Opel; das wäre anstößig. Vielleicht aber bei der Bahn, da hat der Finanzchef gesagt, er möchte aufhören - und das wäre etwas für Steinbrück, wie vieles andere auch angesichts seiner Fähigkeiten. Nur: Der Mann ist 62.

Und damit schwer vermittelbar?

Ja. Um einen Manager mit Anfang 60 überhaupt noch unterzubringen, müssen besondere Konstellationen vorliegen.

Auch wenn der Kandidat so agil ist wie Steinbrück?

Auch dann. Natürlich ist Steinbrück zu jung fürs Altenteil, aber für das operative Geschäft ist in dem Alter wenig zu holen.

Woran denken Sie?

Etwa wenn ein Mann für den Generationswechsel gesucht wird oder für einen Einsatz in brenzliger Situation. Für den theoretischen Fall, dass die Hypo Real Estate plötzlich ohne Chef dastünde - da könnte Steinbrück einspringen, den Laden kennt er ja. Ansonsten ist es mit 62 zu spät für eine Karriere im Management.

Bleibt ein Posten im Aufsichtsrat?

Ja, dafür ist er wie geschaffen: Er bringt internationale Erfahrung mit, hat Führungsqualitäten, ist hochintelligent. Bei der UBS in Zürich sind gerade zwei Verwaltungsräte zurückgetreten. Für diese Mandate käme er definitiv in Frage.

Meinen Sie das ernst? Ausgerechnet in die Schweiz würden Sie ihn schicken, wo Steinbrück es zur nationalen Hassfigur gebracht hat?

Klar, er hat sich mit der Schweiz und Liechtenstein angelegt, Steinbrück ist halt ein Typ, der es sich auch mal mit jemandem verdirbt. Aber er soll ja nicht Politiker werden in der Schweiz, das ginge sicher nicht. Wenn der Chef der UBS das sportlich genug sieht, dann ruft er Steinbrück an. In den Verwaltungsrat einer Großbank passt er perfekt.

Dass er bisweilen unbeherrscht und aufbrausend ist, wie erzählt wird, stört Sie nicht?

Ich kenne ihn nicht persönlich, auf jeden Fall ist er ein sehr intelligenter Mensch. Und Leute, die so schnell denken wie er, die werden nun mal wahnsinnig, wenn andere in ihrer Umgebung nur halb so fix sind im Kopf. Steinbrück ist aber klug genug, dass er den wilden Mann nicht unter anderen Ministern gibt, sondern wenn, dann gegenüber Untergebenen. Da platzt auch Vorständen manchmal der Kragen.

Das SPD-Parteibuch ist nicht hinderlich, um in diese Kreise zu wechseln?

Nein, Steinbrück ist ein unabhängiger Kopf. Auch wenn er manchmal SPD-Sprech hat ablassen müssen - das wächst sich aus. Was in Konzernen gar nicht geht, sind Leute wie Edmund Stoiber, diese Herz-Jesu-Sozialisten, die voller Inbrunst ständig auf die Sicht des kleinen Mannes verweisen.

Was ist daran verwerflich?

Prinzipiell nichts, es ist nur fehl am Platz in der Führungsspitze. Wer große Verantwortung trägt, darf sich nicht klein machen. Der darf nicht die Sicht des kleinen Mannes haben, sondern muss wie der Adler von hoch oben auf das Ganze blicken. Wer vor der Frage steht, ob er 5000 Mann in der entscheidenden Schlacht auf den Hügel schickt, darf nicht den einzelnen fragen - dann ist das Gefecht schon verloren. Er muss die 5000 Mann losschicken, auch wenn er weiß, dass 1000 von ihnen umkommen. Immerhin sind dann 4000 gerettet.

Ein Peer Steinbrück hat diesen Adlerblick?

Ja, der könnte das, der besteht jede Schlacht.