"Politiker sind keine Vorbilder"
FOCUS-MONEY
Deutschlands erfolgreichster Headhunter Dieter Rickert über das Managerversagen bei deutschen Großkonzernen und die schweren Vorwürfe aus Berlin

FOCUS-MONEY: Opel feuert 10000 Mitarbeiter, Karstadt 5500 Leute, der Bundeskanzler spricht von "Management-Versagen in seiner krassesten Form". Hat er Recht?

Dieter Rickert: Wenn der Staat ein Unternehmen wäre, wäre die Firma Deutschland seit Jahrzehnten pleite. Politiker sollten deshalb äußerst vorsichtig mit solchen Kommentaren sein, denn die meisten sind keine Vorbilder für richtiges Handeln.

MONEY: Auch die Bürger haben den Eindruck, dass die deutschen Manager versagen.

Rickert: Wenn Manager hierzulande untergehen, liegt es meist an zwei Gründen: Erstens halten sie häufig zu lang an ihren unprofitablen Geschäften fest. Motto: Unterlasser statt Unternehmer, weil jede Änderung Ärger mit den Betroffenen bedeutet - genau wie in der Politik. Ein Beispiel ist sicher Karstadt. Weil Deuss und Urban sich nicht rechtzeitig von maroden Kaufhäusern und veralteten Geschäftsmodellen trennen wollten, steht der Konzern kurz vor dem Crash an der berühmten Wand.

MONEY: Und der zweite Grund?

Rickert: Ohne bis ans Ende durchdachte Strategie die Flucht nach vorn anzutreten, wie es Deuss-Nachfolger Urban fabriziert hat. Statt rigoros den riesigen Scherbenhaufen aufzuräumen, kaufte er wahllos Fernsehsender und Fitness-Studios dazu. Ähnlich agierte Friedrich Hennemann von der Bremer Vulkan-Werft, der im Wachstumswahn etliche Sanierungsfälle zukaufte. Der Ausgang ist bekannt: Fast 10000 Menschen wurden arbeitslos.

MONEY: Hennemann und Urban kassierten trotzdem Millionen-Abfindungen. Da ist es kein Wunder, dass 55 Prozent der Deutschen kein Vertrauen mehr in die oberste deutsche Führungsriege haben.

Rickert: Ungerechtfertigte Abfindungen tragen sicherlich genauso zum derzeit schlechten Image deutscher Manager bei wie Ausreißer bei den Jahreseinkommen. Dabei spielen Optionen und das Schielen auf den Aktienkurs eine unselige Rolle. Ob wirklich Werte geschaffen wurden, zeigen nur betriebswirtschaftliche Kennziffern wie Return on Investment und das Betriebsergebnis. Die Bezahlung sollte sich daher stärker an den inneren Werten orientieren.

MONEY: Aber würde das die Qualität des Managements verbessern?

Rickert: Ohne Zweifel. Natürlich wird es im Management immer Fehlleistungen geben, aber auch ein Makaay trifft nicht immer das Tor. Ärgerlich ist, wenn offensichtliches Versagen nicht bestraft, sondern noch belohnt wird. Andererseits: Wer fragt sich eigentlich, ob Blüm, der heute noch an die sichere Rente glaubt, seine happige Pension wert ist?

MONEY: Nach einer Studie der US-Personalberaterfirma Spencer Stuart wurden seit 1998 fast 180 Dax-Vorstände ausgewechselt. Nur 68 sind länger als sechs Jahre Amt.

Rickert: Das ist doch ein positives Zeichen: Wer sein Unternehmen nicht erfolgreich führt, der fliegt. Darüber hinaus zeigt die Statistik, dass die Aufsichtsräte bei schlechten Leistungen nicht mehr so lange zögern, bevor Köpfe rollen. Dass der Vorstandssessel zum Schleudersitz geworden ist, hat aber noch einen anderen Grund.

MONEY: Welchen?

Rickert: Nach den deutschen Bilanzregeln konnten Konzernchefs ihre Gewinne in guten Zeiten verstecken, in schlechten Zeiten holten sie die dann still und leise aus dem Hut. Dank der Umstellung auf internationale Rechnungslegungsstandards hat die Bilanz-Zauberei nun ein Ende.

MONEY: Haben gescheiterte Manager wie Ex-Telekom-Chef Ron Sommer eine Chance auf einen neuen Posten?

Rickert:Es kommt auf die Umstände ihres Ausscheidens an. Wer schlechte Ergebnisse geliefert und sich dabei auch noch wie ein Sonnenkönig aufgeführt hat, dessen Chancen sind gering, eine prominente Position zu ergattern. Es gilt der alte Rat: Sei nett zu den Leuten, die du bei deinem Aufstieg auf der Karriere- leiter antriffst. Sie begegnen dir wieder, wenn du absteigst.