Von Gregor Dolak
Der Mann fürs Grosse
Wenige beherrschen die Kunst der Eliten-Suche so wie der Münchner Headhunter Dieter Rickert. Nur eines kann er nicht: aufhören
Königsmacher: Seit mehr als 30 Jahren jagt Dieter Rickert nach den klügsten Köpfen der Republik
(© Wolf Heider Sawall/FOCUS Magazin)

Der alte Kopfjäger kennt den Business-Dschungel wie die Taschen seiner teuren braunen Cordhosen. Seit Jahrzehnten schleicht er lautlos durch diesen Urwald, jagt die fähigsten Köpfe für die größten Unternehmen. Gelegentlich ist der alte Mann ein wenig müde, gelegentlich muss er für ein paar Tage ins Krankenhaus. Doch wenn die Ärzte ihn entlassen, packt ihn sofort der gewohnten Kampfgeist, und er zieht wieder auf die Hatz nach dem kapitalen Großwild. Und neulich erst, da hat dieser erfahrene Trophäensammler noch einmal ganz von vorn begonnen.

Headhunter. Kaum ein Begriff in der Managementwelt klingt so viel versprechend für jene, die richtig Karriere machen wollen. Wer auf dem Treppchen nach oben gelangen, wer als Quereinsteiger reüssieren oder zum richtigen Zeitpunkt von der einen auf die andere Karriereleiter wechseln möchte – der hofft auf einen Anruf von ihm. „Tach, hier spricht Rickert“, sagt er. „Wie, der Rickert?“

Dieter Rickert, 73, ist einer der Grandseigneurs in diesem Geschäft. Er hat schon Managementtalente gejagt, da gab es den Begriff „Headhunter“ noch gar nicht. In der einstigen Deutschland AG ging er mit den Bossen zum Essen und zum Golfen. Wenn er anruft, erzählt Rickert, gibt es zwei Sorten von Menschen: „Wenige sagen: ‚Grundsätzlich kein Interesse.‘ Die meisten antworten: ‚Ich mache mal eben die Tür zu.‘“

In der Industrie an Rhein und Ruhr, in den Wolkenkratzern der Finanzwirtschaft, bei den Chemieriesen, Autoschmieden im Süden und den Handelskontoren im Norden – überall kennen sie ihn. Entweder weil er ihnen beim Aufstieg half – oder ihnen fähige Mitstreiter für Vorstand, Aufsichtsrat, TopManagement vermittelte.

An der Wand von Rickerts Büro in München lehnt ein Bild, das ihm zum letzten runden Geburtstag geschenkt wurde. „Jäger 70“ steht darauf. Symmetrisch sind um den Schriftzug Fotos seiner bekanntesten Klienten gruppiert: Gerhard Cromme, Ex-Vorstandsund Aufsichtsratschef von ThyssenKrupp, Hartmut Mehdorn, einst Bahn- und heute BER-Chef, Jürgen Richter, ehemals Springer-Vorstandsvorsitzender, und Dutzende andere. Für mehr als die Hälfte der deutschen Dax-Gesellschaften hat Rickert Führungspersonal organisiert und zur Wende sogar die Chefetage der Treuhand-Gesellschaft mit Machern bestückt.

Ursprünglich wollte der Mann aus Bad Oldesloe Journalist werden. Heute versteht er sich wie nur wenige in seinem Gewerbe auf die Beschaffung von hochexklusiven Informationen, die, im günstigen Fall für ihn, in keiner Zeitung stehen: Welche Company hat an der Spitze eine Stelle frei? Und welcher Könner hätte auf Grund seiner Karrieresituation oder seinen Zukunftsplänen Interesse daran? Seine Kunst, Firma und Kandidat zusammenzubringen, spielt Rickert gern herunter. Dabei erarbeitet er sie sich hart. Ständig ist er unterwegs, auf öffentlichen Events wie dem „Ball des Sports“, besucht seine alten Kumpane aus den Chefetagen, wo immer sie gerade tätig sind auf der Welt. Er telefoniert viel und geht noch mehr zum Essen mit ihnen.

Nicht die konventionelle Lösung zu finden ist Rickerts Ziel, sondern die unerwartete, aber stichhaltige Variante zu entwerfen. Seine Traumgeschichte klingt so: Nach ihrem Abgang beim Waschmittel- und Shampoo-Riesen Henkel saß die Top-Managerin Tina Müller auf Grund komplizierter Vertragsklauseln fest und konnte nicht bei der Konkurrenz anheuern. „Ich habe mir überlegt: Was kann die besonders gut?“, erzählt Rickert. Seine Antwort: Menschen Träume verkaufen von vollem, gesundem Haar. „Wer braucht diese Fähigkeit dringend?“ Rickert fand: Der angeschlagene Automobilkonzern Opel, der sein ramponiertes Image dringend aufstylen muss. Dorthin vermittelte er die Managerin im Juni 2013 als neuen Marketingvorstand.

Mit solchen Coups stieg Rickert seit den 70er-Jahren zu einem der einflussreichsten Personalberater in der Bundesrepublik auf. Laut Slogan sucht seine Firma, Büro Rickert, im Kern „Spitzenkräfte für die deutsche Wirtschaft“. Damit setzt er sich bis heute von den großen Personal-Unternehmensberatungen ab, die international agieren und Heere von Consultants durch die Welt schicken. Für die jungen Damen und Herren, die er oft, mit Bewerbermappen auf dem Schoß, ins Gespräch mit einem der ins Auge gefassten Vielflieger vertieft auf Flughäfen oder in Hotellobbys sieht, hat Rickert nicht viel übrig. „Bei den großen Personalberatungen ist das Fließbandarbeit wie in der Fabrik.“

Karriere zu machen sei für „tüchtige und motivierte junge Leute“ heute viel leichter, findet Rickert. Die Systematik, mit der Konzerne jedes Jahr neue Kräfte hereinholen und die älteren für Führungsaufgaben heranziehen, böte mehr Chancen. Gleichzeitig liefere das System „abgeschliffene Charaktere, von denen sich nur wenige ihre Eigenheiten bewahren“.

Rickert dagegen sucht die herausragenden Persönlichkeiten, die neben ökonomischem Sachverstand und Erfahrung auch Kanten, Kampfgeist und Charisma mitbringen. „Wir sind eine kleine Manufaktur“, beschreibt er seine Firma, die mit ihm und seinem Kompagnon Robert Harich gerade mal zwei Manager-Scouts beschäftigt. „Rickert hat seine Beziehungen zum Old-Boys-Netzwerk schon immer durch Kontakte zu den nachrückenden jüngeren Managern ergänzt“, erklärt Harich, der zuvor bei Werbeagenturen und Medien-Holdings gearbeitet hat.

Jeden Tag empfangen die beiden im Stundentakt potenzielle Karriereleiterkletterer. Die einen stellen sich bei ihnen initiativ vor, andere haben die beiden selbst für offene Stellen ins Auge gefasst und hergebeten. Dazu kommt Rickerts Spezialgebiet: Auch ohne Mandat eines Unternehmens sucht er auf eigene Faust Top-Leute für Positionen, von deren Vakanz er weiß. Seine Entdeckungen dient er den Firmen an – und kann auch dabei auf eine erstaunliche Erfolgsquote verweisen. Die Orchidee unter den möglichen Lösungen zu finden bereitet Rickert den größten Reiz. Er liebt die Wild Card, die er bei jedem Mandat ausspielen will. „Wir sind bekannt für die unabhängige Out-of-the-Box-Denke, die schon häufig zu besonders interessanten Lösungen geführt hat“, sagt Harich. Ihr Verdienst: etwa ein Drittel der vereinbarten Vertragssumme des angeheuerten Managers.

Das Nachsehen haben häufig jene Unternehmen, denen er die Leute abwirbt. Um nicht in Schwierigkeiten zu geraten, unterteilt der Münchner die Wirtschaftswelt fein säuberlich in„Klienten“ und „Jagdgründe“. Wer Manager aus Rickerts Kartei beschäftigt, bekommt sie nicht bei nächster Gelegenheit wieder abgeluchst. An diese Regel hält er sich so lange, wie er auf Anschlussaufträge hoffen kann.

Diese Methodik setzt Rickerts Auftraggeber durchaus unter Druck, ihn immer wieder einzusetzen. Seine oft als „aggressiv“ kritisierten Methoden – einmal fielen sie auf ihn selbst zurück: Sein langjähriger Ziehsohn im Büro Rickert, Rick Fulghum, kehrte ihm 2012 abrupt den Rücken und machte sich mit einer eigenen Personalagentur selbstständig. Mit Rickerts geballtem Wissen und allen Tricks, die er sich über Jahre abgeschaut hatte.

Schadenfroh merkt ein Konkurrent an: „Da muss Rickert mal seine eigene Medizin trinken.“ Denn mit Fulghums Vater Jim hatte sich Deutschlands wichtigster Headhunter Ende der 1970er-Jahre selbstständig gemacht – und dafür sein Wissen aus der Zeit bei der Züricher Personalberatung Tasa mit eingebracht.

Dass ihm Fulghum junior nach 22-jähriger Zusammenarbeit von der Fahne ging, hat den alten Recken Rickert kurz aus dem Takt gebracht. Statt sich langsam zurückzuziehen, hat er nun aber noch einmal von vorn angefangen. Die angestammten Büros im Münchner Nobelvorort Grünwald hat er verlassen und elegante Geschäftsräume gegenüber dem Haus der Kunst am Englischen Garten bezogen. „Die Adresse ist wichtig für Kandidaten, die vom Flughafen oder von Geschäftsterminen in der Stadt schneller zu uns kommen“, sagt er. Ein Zugeständnis an die neuen, mobileren Zeiten.

So geht Deutschlands wichtigster Headhunter von einem neuen Hochsitz aus auf die Jagd. Wie so viele erfahrene Könner beherrscht er nur eines nicht: aufhören. Der Reiz, mitzumischen und mit der lebenslangen Erfahrung noch immer zu punkten – Rickert genießt das. „Ich mache weiter, solange es mir Spaß macht“, sagt er dazu nur. Und dass das noch immer der Fall sei.