Strippenzieher auf höchstem Niveau
MANAGEMENT / Dieter Rickert ist Deutschlands erfolgreichster Headhunter. Jetzt sucht er einen geeigneten Nachfolger

Seit 25 Jahren vermittelt der Münchner Jobmakler Führungskräfte. Mit seinen Methoden hat er sich in der Branche nicht nur Freunde gemacht.

MARKUS SCHÖNEBERGER

B ei mindestens drei Dingen weiß man am Anfang nicht, wie sie ausgehen: Liebe, Revolution und Karriere", sagte einmal Nestlé-Chef Helmut Maucher. Dieter Rickert versteht ganz offenkundig von allen drei etwas. Wen es auf der Karriereleiter nach ganz oben drängt, der landet früher oder später einmal auf seiner berühmten Fahndungsliste. Dieter Rickert ist zwar nur einer der insgesamt 6400 Headhunter in Deutschland, die sich mittlerweile viel lieber "Executive Researcher" nennen, weil dies unverdächtiger klingt. Doch keiner ist so erfolgreich und zugleich so umstritten wie er. Er ist der Mann für die "Big Shots". Seit einem Vierteljahrhundert kümmert sich der gebürtige Hamburger mit Adresse im eleganten Münchner Vorort Grünwald ausschließlich um die Elite der Spitzenmanager mit einem Jahreseinkommen ab 300 000 Euro. Das sind bundesweit etwa 5000 Kandidaten, die der Großwildjäger im Revier der Deutschland AG in jahrelanger Arbeit in seinem eigenen Suchsystem sortiert hat. Von den hundert deutschen Top-Unternehmen sind 51 seine Kunden.

Diese wirklich Wichtigen haben gerade wieder Post aus München bekommen. Die Edelklienten erhielten persönliche Grüße zum Jahreswechsel auf einer Grafik, die er jedes Mal von einem anderen Künstler entwerfen lässt, handsigniert und nummeriert. Diesmal hat Christian Wilke, Mitbegründer der Künstlergruppe Komat, das Motiv "links rechts" gestaltet. Dazu passend Gedanken des Absenders über schöpferische Zerstörung, gesellschaftliche Blockaden und träumende Gutmenschen. Das Ganze garniert mit einem Leitmotiv von Andrew Jackson: "Ein einziger Mann mit Mut ist eine Mehrheit." Der Mann liebt solche Aktionen: außen ein bisschen philosophisch und politisch, innen drin ganz praktisch. Denn der Austausch der freundlichen Grüße ist recht hilfreich für das Aufpolieren der vielen individuellen Daten und noch besser für die Pflege des "Repeat Client", wie es in der Sprache der Beziehungsbastler heißt: Klienten, die immer wieder gerne auf die diskreten Dienste des Headhunters zurückkommen. Und in diesem Kontaktgewerbe sind sie fast alle Wiederholungstäter. Dennoch: Das Wort vom "Kopfjäger der Nation", das man ihm einmal aufgeklebt hat, mag der Strippenzieher der Superreichen so gar nicht. Er wählt für seine Arbeit stattdessen viel lieber die Philosophie der Eheberatung: "Vertrauen und Zuneigung zwischen den Partnern müssen schon stimmen, wenn es in den Niederungen des geschäft-lichen Alltags funktionieren soll." Gefragt sind Menschenkenntnis, Sensibilität - und ergo wenigstens ein bisschen Liebe. Und die Sache mit der Revolution? Zum Leidwesen seiner Zunft hat Dieter Rickert schon mehr als einmal gezündelt, seit er 1977 in Zürich das erste Mal auf Profi-Pirsch ging. Je erfolgreicher er wurde, desto schlechter wurde sein Ruf in der Branche. Attribute wie "Außenseiter", "Spielverderber" sind fast schon Komplimente für ihn. "Schurke", "arroganter, rücksichtsloser Egomane", "ein Lügner, dass sich die Balken biegen" klingen schon heftiger.

JÄGER: Von seiner Grünwalder Villa aus kümmert sich Dieter Rickert um die Elite unter den deutschen Managern.
Foto: Thomas Einberger/argum

D ieter Rickert gilt als Tabubrecher, weil er sich nicht an die eherne Zunftregel hält: Keine Aktivitäten ohne Suchauftrag! Stattdessen funkt er schon mal in fremde Geschäfte. Der Revoluzzer dementiert die Behauptungen nur halbherzig, nennt seine Strategie lächelnd "proaktives" Handeln und beschreibt dies so: "Topmanagern, die sich verändern wollen, muss man auch helfen. Wenn die sich an mich wenden, kann ich sie nicht damit vertrösten, dass ich sie anrufe, falls etwas Passendes hereinkommt. Ich mache genau das, was auch das Arbeitsamt macht, nämlich aktive Vermittlung."

Dieter Rickert ist eigentlich immer bereit, helfend zu vermitteln. Einzige Voraussetzung: Die Lösung des Problems muss ihm Spaß machen. Dann nutzt er sogar den kurzen Draht in die große Politik. Fallbeispiel, es liegt schon ein wenig zurück: Einer der erfolgreichsten deutschen Medienmacher sucht Rat. Dieter Rickert lässt sich nicht lange bitten: "Sie sollten darüber mit Gerhard Schröder reden!" Binnen 14 Tagen ist das gemeinsame Frühstück arrangiert, um 9 Uhr in Bonn.

Freilich: Nicht jede Anbahnung führt zum Happy End. Geht der Daumen trotz aller Sondierungen am Ende nach unten, heißt es im Code der Chefberater nur knapp: "No". Die Eigenschaften eines Kandidaten passen nicht mit den Vorgaben des Klienten für die zu besetzende Stelle zusammen Solche Rückschläge gehören zum Alltag.

Trotzdem strahlt Dieter Rickert fast immer zufriedene Gelassenheit aus. Krise? Schulterzucken! Während die Branche, die in den Boomjahren 1,5 Milliarden Euro an Erfolgshonoraren für bis zu 90 000 Suchaufträge kassierte, derzeit über drastische Umsatzeinbrüche von bis zu 56 Prozent klagt, Mitarbeiter entlassen werden und einige Personalberatungsfirmen Insolvenz anmelden mussten, blickt Dieter Rickert auf ein besonders gutes Jahr zurück. Wieder hat er fast zwei Dutzend Ehen neu geschmiedet in der kleinen Welt der Edelverdiener. Darunter drei neue Thyssen-Krupp-Vorstände auf einen Streich. Eine Fachjury hat ihn zudem zum Jahresende unter die 50 mächtigsten Deutschen gewählt. Und dennoch ist der Mann, von dem Konkurrenten ungefragt sagen, dass er manchmal etwas zu laut sei, im Laufe der Jahre deutlich leiser geworden. 1998 hatte die Trennung von seinem langjährigen Düsseldorfer Partner mehr öffentliche Begleitmusik zur Folge, als es für dieses stille Geschäft nützlich sein kann.

Er hat Stars der Wirtschaft wie Hartmut Mehdorn, Gerhard Cromme, Jürgen Richter oder Börsenchef Werner Seifert erfolgreich nach oben gelotst. Und trotzdem brennt es in ihm, mit einigen dieser Klischees

aufzuräumen. Etwa der fixen Idee, sein Leben spiele sich nur ab zwischen Flughafenlounges und Meetings an Hotelbars, wahlweise auch beim Golfen, in der Oper oder dem Sylvesterevent der Reichen und Schönen von Kitzbühel. Und dass er 20 Zentimeter lange Cohiba-Zigarren rauche, stimme schon ganz und gar nicht, kommt das nächste Dementi hinterher. Sucht man nach etwas Markantem im Profil des 1,80-Meter-Mannes mit der sonoren Stimme, so fällt der Blick vor allem auf seine auffallenden großen Ohren. Ein bisschen wie Radarschirme, denen nichts entgeht. Die schon das Gras wachsen hören in den Chefetagen, bevor dort jemand zu flüstern angefangen hat. Wieder so ein Klischee!

"Sohl-Ei" nannten sie einst den Volks- und Betriebswirt, weil er mit 27 Jahren dem berühmten Thyssen-Chef und BDI-Präsidenten Hans Günter Sohl als Redenschreiber und Assistent gedient hatte. Dort vor allem hat er das Knüpfen von Kontaktnetzen gelernt. Und die Spielregeln der Mächtigen und Einflussreichen studiert. Im pharmazeutischen Großhandel kam zwischendurch das Personalgeschäft dazu bis hin zum Thema Sozialplan.

Dann erfolgte der Sprung nach Zürich zu Jim Fulghum, "dem besten Personalberater der Welt", wie Dieter Rickert heute noch bewundernd sagt. Bevor er dort anheuerte, hatte er sich Rat geholt bei Flick-Manager Eberhard von Brauchitsch. Der bedeutete ihm: "Mach das, das ist eine Wachstumsbranche!" Und Dieter Rickert wuchs. Er wurde der Erste, der in Deutschland das Risiko einging, ausschließlich die oberste Top-Ebene zu bedienen. Der Plan funktionierte meistens. Über sein Personalmanagement beim Aufbau der Berliner Treuhand zur Abwicklung der ehemaligen DDR-Staatsbetriebe lästern die netten Kollegen etwa heute noch: schwache Performance! Doch der Einzelkämpfer gibt locker Contra: "Von 145 Besetzungen für Vorstände und Aufsichtsräte lag ich bei 80 Prozent richtig. Das ist angesichts der extremen Gesamtumstände eine exzellente Quote." Nicht immer, wenn der Makler der Manager seine Angel auswirft, beißen Haifische und Barrakudas auch an. Die Nachfolgesuche für den Vorstandsvorsitzenden vom Bremer Vulkan etwa wurde nach ersten Kontakten anderweitig vergeben, "weil ich wohl zu viele dumme Fragen gestellt hatte". Hinterher reibt sich jemand insgeheim die Hände: Denn der Auserwählte erwies sich als Flop. "Von diesem Kandidaten hatte ich schon vorher abgeraten!"

G ar zu gern hätte der Guru der Geschäftsgrößen - wie fast alle Mitbewerber - nach dem Sommertheater auch der Deutschen Telekom seine Dienste angetragen "und dann das Honorar für einen guten Zweck gespendet". Doch so viel Karitas hielt der Bonner Kommunikationsriese nicht für notwendig. Er wurde nach zäher, öffentlicher Treibjagd im eigenen Gefilde fündig. Der Mann für heikle Fälle, der im kommenden April 63 Jahre alt wird, ist im Laufe der Jahre nachdenklicher geworden. Etwa, wenn er die "haarsträubenden Fehlentwicklungen bei den Managergehältern" kritisiert. Obwohl er bei jedem erfolgreichen Vermittlungsgeschäft mit mindestens einem Drittel des Jahressalärs als Honorar beteiligt ist, findet er Einkommen ab einer Million Euro schlichtweg "obszön". Vor allem die Aktienoptionen sind ihm ein Dorn im Auge, "weil sie falsches Denken und Verhalten geradezu provozieren. Manche geraten in Versuchung, Risiken einzugehen, die sie unter normalen Umständen meiden würden." Und: "Wir brauchen Manager, die sich auch ohne solche Leistungsanreize die Seele aus dem Leib rennen." Auch über die Qualität in den Aufsichtsräten macht er sich seine eigenen Gedanken. Die Praxis verdienter Vorstände, übergangslos an die Spitze ihres Kontrollgremiums zu wechseln, hält er für problematisch. Und die Zukunft der eigenen Zunft? Die aktuelle Krise sei vor allem eine Krise der global operierenden großen Agenturen, denen er schon immer misstraut habe. "Ich glaube nicht an die Internationalität unserer Branche." Heute sei wieder mehr denn je der individuell arbeitende Berater gefragt, der flexibel genug sei, sich "in die Seele eines Generaldirektors hineinzuversetzen", und der auch danach für den Fall des Falles ansprechbar bleibe. "Wenn sich bei mir jemand meldet, ist es, wie wenn man zur Beichte geht." "Proaktiv" wie er ist, hat der Exot inzwischen ein weiteres Tabu gebrochen, nämlich den Grundsatz, über Offerten zu schweigen. Stattdessen hat der Münchner seine eigene Website ins Netz gestellt inklusive der Rubrik "Gesucht". Werden Managerwünsche also in Zukunft öffentlich zu Markte getragen? Die Antwort ist typisch Dieter Rickert: Die Märkte seien schneller geworden. "Da brauchen wir neue flexible Schnellboote für immer speziellere Kundenwünsche." Ganz allein will der Adler aus München jedoch nicht mehr allzu lange fliegen. Mit B. Partrick Fulghum, dem Sohn seines großen Lehrmeisters, hat er bereits vor einigen Jahren einen talentierten Partner gefunden, der immer mehr die Frontarbeit übernimmt. Jetzt hält Deutschlands erfolgreichster Karriereschmied Ausschau in eigener Sache; er sucht nach jüngerer Verstärkung.

Die Suchkriterien stehen fest: Gefordert sind "eine natürliche Abneigung gegen Autorität" und Persönlichkeiten, "denen feuchte Hände im Angesicht der Größen der Republik fremd sind". Musketiere können sich ab sofort in München melden. Dann hat der Zampano der Hochfinanz vielleicht endlich auch Zeit, sich seinen Lieblingswunsch zu erfüllen, die Inszenierung einer Oper. Ganz oben auf seinem Spielplan steht "La Traviata". Im zweiten Akt schleudert dort Alfred seiner Geliebten bekanntlich reichlich Geld vor die Füße. Und Blut fließt auch. Der Anbahnungsversuch in feinsten Gesellschaftskreisen endet sehr unglücklich. Von liebe keine Spur!