Dieter Rickert

Plädoyer für Manager mit Herz

Welche Fähigkeiten müssen Manager besitzen, die Karriere machen wollen? Dieter Rickert (46) Unternehmerberater bei der Züricher Interconsilium AG und einer der erfolgreichsten Headhunter, nennt überraschende Kriterien.

Geht es um Top-Positionen, sind Personalberater stets auf der Suche nach den Supermännern, die den Erfolg gepachtet zu haben scheinen. Die Klienten wollen, daß der bisher erfolgreiche Manager das nächste Kapitel seiner Success-Story in ihrem Unternehmen schreibt. Doch wann ist jemand erfolgreich?

Jüngere Manager, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen, gelten als erfolgreich, wenn sie in regelmäßigen Abständen die nächste Hierarchiestufe erklimmen. Das läßt darauf schließen, daß sie in sie gesetzte Erwartungen offenbar erfüllt haben. Der ganz große Erfolg wäre demzufolge erreicht, wenn sie schließlich im Chefsessel Platz genommen haben. Unsere Betrachtung soll sich auf diese Manager beschränken.

Während man in der Regel für diese Top-Positionen den Technokraten, den Fachmann eben, sucht, richtet sich mein Augenmerk vor allem auf andere Werte. Natürlich sind Fachwissen und Intelligenz unabdingbare Voraussetzungen für den erfolgreichen Topmanager. Daneben entscheiden aber auch bestimmte Persönlichkeitsmerkmale über Erfolg und Mißerfolg der Führungskraft.

Das Schlüsselwort heißt PAMM. Es steht für die Anfangsbuchstaben von vier Kriterien: Phantasie, Augenmaß, Mut und Menschlichkeit.

Zum ersten Kriterium: Die Notwendigkeit von Phantasie für den unternehmerischen Erfolg ist augenfällig. Nimmt man zwei Manager, die eine gleich gute Ausbildung genossen haben und die auch sonst mit gleichen Talenten gesegnet sind, dann wird der phantasievolle, kreative Manager erfolgreicher sein als sein Konkurrent, bei dem diese Gabe weniger ausgeprägt ist. Erfahrung ist wichtig, und mit ihr kann man eine Menge erreichen. Aber Erfahrung blickt zurück; die Zukunft bewältigt man nur mit Phantasie.

Phantasie hilft, Wege zu finden, an die zuvor noch niemand gedacht hat. Wer diesen neuen Pfad zuerst beschreitet, wer zuerst herausfindet, wo neue Produkte stecken, wie man sie kostengünstiger produziert, wie man sie auf neuen Märkten absetzt, der behält im Wettbewerb die Nase vorn. Ich kenne zwar humorlose erfolgreiche Männer, aber keine phantasielosen.

Das zweite Kriterium, Augenmaß zu haben, ist komplexer. Denn beim Augenmaß handelt es sich um eine Resultante aus Lebenserfahrung und Temperament. Anders als Phantasie ist Augenmaß eine Fähigkeit, die man erlernen und entwickeln kann. Die Erfahrung beginnt mit einer guten theoretischen Ausbildung, die nichts anderes ist als die weitergegebene Erfahrung derer, die schon früher vor demselben Problem gestanden haben. Mit der Anwendung des so Gelernten in der Praxis und der kritischen Reflexion der Ergebnisse akkumuliert man dann seine eigene Lebenserfahrung. Wie gut man die dann in der Folgezeit in bessere Ergebnisse umsetzen kann, ist im wesentlichen eine Frage des persönlichen Temperaments und der Fähigkeit, dieses angeborene Temperament zu zügeln oder sich selbst die Sporen zu geben.

Mut - unser drittes Kriterium - ist für mich die Fähigkeit, für eine Sache, eine Idee, andere Menschen oder auch "nur" für die eigene Überzeugung auch dann noch einzustehen, wenn sich abzeichnet, daß das Ziel schwieriger zu erreichen ist als geplant. Managen heißt Führen, und Führen heißt häufig, unpopuläre Dinge entscheiden zu müssen. Das einmal als richtig Erkannte auch wirklich in die Tat umzusetzen, den Widerstand derer zu überwinden, denen dies unbequem ist, das erfordert Mut und Beharrlichkeit.

Die Amerikaner haben hierfür den Begriff "stick-to-it-iveness" geprägt. Wen Gegenwind umwirft, wird kein erfolgreicher Manager.

Wichtig ist schließlich viertens die Menschlichkeit. Unternehmen sind Großveranstaltungen mit Menschen. Erfolgreiche Männer erkennen frühzeitig, daß sie allein nichts bewirken können. Sie brauchen die Mitarbeit der gesamten Organisation. In jedem Unternehmen besteht aber das Gros aus mitteltalentierten, mittelfleißigen und mittelehrgeizigen Mitmenschen. Der Manager wird am Ende der erfolgreichste sein, der es schafft, die Durchschnittsleistungen aller Durchschnittsmitarbeiter auf allen Ebenen seines Unternehmens nachhaltig über das Maß der Durchschnittsleistungen bei der Konkurrenz anzuheben. Das schafft man nicht durch Antreiben, nicht mit dem Knüppel, sondern mit der Mohrrübe - der Motivation. Nur wer in der Lage ist, die Welt auch durch die Augen seiner Mitmenschen zu sehen, erkennt ihre Motive und kann sie entsprechend motivieren. Er bringt sie dazu, daß sie das tun wollen, was sie tun sollen.

Es stellt sich natürlich die Frage, ob dafür Menschlichkeit notwendig ist, ob man also Mitgefühl für seine Mitmenschen haben muß, um sie zu motivieren, oder ob es ausreicht, Menschenkenntnis zu besitzen, also die psychologischen Zusammenhänge menschlichen Verhaltens zu erkennen. Reicht Technik oder muß Herz im Spiel sein?

Technik reicht meines Erachtens allenfalls für kurzfristigen Erfolg. Mit Menschenkenntnis kann man geschickte Entlohnungssysteme ersinnen und auch andere wirksame Arbeitsanreize schaffen. Die Manager aber, für die ihre Mitarbeiter durchs Feuer gehen, sind jene, die begeistern können, die man mag oder sogar bewundert, weil man sie als Menschen akzeptiert. Fazit: Der noch so raffinierte Technokrat der Menschenbehandlung wird letzten Endes einem ebenso tüchtigen Manager mit Herz unterlegen sein, für den sich seine Leute ein Bein ausreißen.

Industriemagazin 1/1987