Quote? Aber für wen?
Es gibt eine natürliche Frauenquote, sie liegt bei sechs Prozent. Die meisten Kandidatinnen für Spitzenpositionen steigen vorher von selbst aus

"Politiker, die heute per Quote das Top-Management auffüllen wollen, hätten vor 20 Jahren eine Kita-Offensive starten müssen"

Ein Headhunter wird nicht zuletzt für Risikominimierung bezahlt. Er soll für jede Position nur Kandidaten empfehlen, die etwas Vergleichbares nachweislich erfolgreich gemacht haben. Für Manager auf Vorstands- und Geschäftsführungsebene heißt das: Bis die Kandidaten dieses Erfahrungspaket geschnürt haben, sind im Schnitt 20 Jahre seit dem Studium vergangen, und sie sind Mitte 40. In dieser Gruppe findet man heute kaum Frauen. Was beeinflusst die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen überhaupt auf dieser Ebene ankommen?

Bei Aufnahme des Studiums ist zwar rund die Hälfte aller Studenten weiblich, aber das Gros der Damen wählt Fächer, die für eine Wirtschaftskarriere ausscheiden. Für die Unternehmen benötigen wir vor allem technische Ausbildungen. 90 Prozent aller Studienanfänger in diesen Fächern sind männlich. Außerdem liegt unser Augenmerk auf Volks- und Betriebswirten und in begrenztem Umfang auf Juristen, die - insbesondere Frauen - meist als Berufsziel Anwalt, Richter oder Staatsanwalt angeben und damit für eine Unternehmenskarriere ausscheiden. Auf Grund der gewählten Ausbildung stellen die Frauen allenfalls ein Drittel der Berufsanfänger, die eine Chance haben, im Top-Management zu landen. Die Erfahrungen beim Headhunting belegen, dass lediglich 20 Prozent dieser Frauen bereit sind, sich den Stress einer Karriere bis ganz oben anzutun. 20 Prozent von einem Drittel machen eine "natürliche" Frauenquote von sechs Prozent. Das ist nicht weit von den Ist-Verhältnissen entfernt, wenn man die obersten beiden Führungsebenen betrachtet.

Die 20-Prozent-Quote der karrierewilligen Frauen hat sicher auch damit zu tun, dass der rund 20-jährige Marsch durchs Mittelmanagement die Zeit der Familienbildung einschließt. Ohne ausreichende Möglichkeiten zur Kinderbetreuung und flexible Arbeitszeiten ist die Karriere fast nicht zu machen. Politiker, die heute über eine Quote das Top-Management auffüllen möchten, hätten vor 20 Jahren eine Kita-Offensive starten müssen.

Für Männer und Frauen gilt das bekannte Prinzip, wonach jeder so lange befördert wird, bis er den Level seiner persönlichen Inkompetenz erreicht hat. Es ist auch natürlich, dass jeder Chef, der das Ende seiner Möglichkeiten fühlt, versucht ist, tüchtige Nachrücker auszubremsen. Männer reagieren auf diese Behinderung häufig, in dem sie den Job oder die Firma wechseln. Frauen sind da - auch durch die Familiensituation - weniger flexibel und geben auf. So kommt das Gerede von der gläsernen Decke zu Stande, die angeblich von den Männern gegen die aufrückenden Frauen eingezogen wird. Die gläserne Decke unter schwachen Vorgesetzten trifft beide Geschlechter gleichmäßig. Ich habe in 33 Jahren nur einmal gehört: bitte keine Frau.

Aus all dem ergibt sich, dass eine gewaltsam durch die Politik eingeführte Frauenquote dazu führt, dass das Leistungsprinzip partiell abgeschafft wird. Ergibt die Quote bei der Besetzung von Vorstands- und Geschäftsführerpositionen schon keinen Sinn, so wird dieser Irrsinn noch potenziert, wenn es um Aufsichtsräte geht. Einen Vorstand beaufsichtigen und beraten kann nur jemand, der selbst bereits einmal eine entsprechende Managementposition ausgefüllt hat. Wo sollen diese erfahrenen Managerinnen herkommen?

Zurzeit suchen wir für ein Metall verarbeitendes Unternehmen mit mehreren Milliarden Umsatz einen Technik-Geschäftsführer. Der Kandidat muss Maschinenbau, Elektrotechnik, Physik oder Ähnliches studiert haben. Er sollte Erfahrung nicht nur im Produktmanagement mitbringen, sondern auch weltweit Produktionseinheiten gesteuert haben. Wir haben etwa zwei Dutzend theoretisch passende Kandidaten identifiziert - alle männlich. Mich würde interessieren, ob es wenigstens eine Dame für diese Position gibt, die wir dann offensichtlich übersehen hätten. Der oder die Beste soll das Rennen machen. Was aber soll mein Kunde tun, wenn er einer Zwangsquote ausgesetzt wäre, denn die anderen drei Geschäftsführer sind männlich, tüchtig und weit von der Pensionsgrenze entfernt. Um Antwort wird gebeten.

FOCUS online 14.03.2012